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Wir, als Teil der battlegroup for art (ein Zusammenschluss von kulturellen Interessenvertretungen und Plattformen), wollten wissen inwiefern sich die Parteien Kulturpolitik vorstellen und haben am 5. September alle wahlwerbenden Parteien zu einem Podiumsgespräch zu kulturpolitischen Themen in die Stadtbibliothek Innsbruck eingeladen. 

Am Podium
Cornelia Hagele | MATTLE Tiroler Volkspartei
Zeliha Arslan | GRÜNE        
Elisabeth Fleischanderl | SPÖ                             
Evelyn Achhorner | FPÖ             
Markus Sint | Liste Fritz 
Franziska Schumi | NEOS                                                                                               
Robert Koch | KPÖ

Moderation
Verena Konrad | Direktorin vai. Vorarlberger Architektur Institut

Nach den Politiker*innen waren die Interessenvertretungen am Wort

Helene Schnitzer | TKI – Tiroler Kulturinitiativen – Interessenvertretung von aktuell 155 Kulturvereinen in Tirol
Siljarosa Schletterer | IG Autorinnen Autoren Tirol – Interessenvertretung von Schreibenden mit Tirolbezug
Daniela Oberrauch | Bundeslandsprecherin der IG Freie Theater – Interessenvertretung von Theater-, Tanz- und Performanceschaffenden

Hier ein kurzer Auszug aus dem Statement der IG Autorinnen Autoren Tirol:

David finanziert Goliath – die Tourismusabgabe in Tirol


In Tirol verdient der Tourismus jährlich 120 Mio. Euro (also mehr als der jährliche Kunst- und Kulturetat des Landes) allein mit dieser Tourismusabgabe. Eine Summe, die alle selbstständigen Kunstschaffenden hierzulande mitzahlen. Eine Summe, die also von jenen beglichen wird, die selbst weitaus weniger verdienen. Es scheint fast ein David finanziert Goliath Modell. Ob das Sinn macht?

Auch unsere Kolleg*innen Barbara Hundegger und Felix Mitterer und Gerhard Ruiss haben in den letzten Wochen und Monaten zum wiederholten Mal die Tourismusabgabe stark in Frage gestellt. Und wir Schreibende sind mit diesen Zweifeln nicht allein. Auch der Steuerrechtsexperte Reinhold Beiser, Leiter des Bereichs Finanzrecht am Institut für Unternehmens- und Steuerrecht der Uni Innsbruck, und Karl Socher emeretierter Prof. für Wirtschaftstheorie, -politik und -geschichte, fordern ein Ende dieser verpflichtenden Tourismusabgabe.

Wir möchten zu bedenken geben, dass auch Kunst und Kultureinrichtungen den Tourismus fördern. Es kann nicht sein, dass Kunst und Kultureinrichtungen nur als Nutznießer*innen des Tourismus und selten bis gar nicht auch als Tourismusursache und Tourismusförder*innen angesehen werden. So leben wir bislang in einem Land, das nicht nur preisgekrönte Sportler*innen und eindrucksstarke Berge, sondern auch preisgekrönte Kunstschaffende und eindrucksstarke Festivals beherbergt.

Die Verwendung und der Umgang mit diesen Millionen ist zudem zu intransparent. Wohin gelangt das Geld? Es heißt, mit den Einnahmen werden Kunst und Kultur unterstützt. Aber wie sieht das genau aus? Es gibt Vorzeigebeispiele wie das Literaturhotel Juffing mit einem jährlichen Literaturstipendium, erzählt uns bitte mehr davon.

Was wir uns wünschen: Entweder sollen die Gelder aus dem Kulturbereich transparent und offen zweckgewidmet wieder der Kultur zu Gute kommen oder reformiert oder für Kunstschaffende gänzlich abgeschafft werden.

Wertschätzung der Kulturexpert*innen

Bei der öffentlichen Ausschreibung um die künstlerische Intervention zur Aufarbeitung der NS-Geschichte des Neuen Landhauses in Tirol wurde der Juryentscheid übergangen. Das Werk von Franz Wassermann „Das Gauhaus/Wir haften für unsere Geschichte“ wurde von der Jury nicht nur erstgereiht, sondern einstimmig gewählt und zur Umsetzung empfohlen. Was dann passierte, gleicht einem Trauerspiel. Wie allseits bekannt, entschied sich nämlich die Politik gegen dieses Projekt und damit gegen den Entscheid, und das zunächst ohne Erklärung. Hier wurde ein Entscheidungsprozess ad absurdum geführt.

Und das ist kein Einzelfall mehr in Tirol. Zum wiederholten Mal wurden in letzter Zeit in diesem Land Kunst-Juryentscheide übergangen: die Vorfälle um Güni Noggler in Schwaz, die Bestellung der neuen Intendanz der Volksschauspiele in Telfs, und nun auch der Umgang mit der künstlerischen Intervention am Landhausplatz. Wohin führt das noch? Wir sind besorgt.

Jurys werden nicht nur zur Qualitätssicherung gebildet und eingesetzt, sondern auch um willkürliche Entscheidungen der Politik und um Freunderlwirtschaft zu verhindern. Das ist nicht gegeben, wenn Jurys entmachtet und zur Alibiinstitution degradiert werden. Wir sehen darin die vollkommene Missachtung der Arbeit und Expertise von Fachleuten, eine reine Ressourcenverschwendung.

Was wir uns wünschen: Achtung und Wertschätzung der Kulturexpert*innen – seien sie Jurys oder im Kulturbeirat.

Hier noch einmal unsere Wunschliste an die Kulturpolitik zusammengefasst:

Wir wünschen mehr Transparenz
Mehr Transparenz im Umgang mit politischen Kulturentscheidungen
Mehr Transparenz im Umgang mit der Tourismusabgabe.

Wir wünschen uns mehr Verbindlichkeit
Eine stärkere Verbindlichkeit der Juryentscheide
Eine stärkere Verbindlichkeit des Kulturbeirates.

FREIRAD. Freies Radio Innsbruck hat die Veranstaltung aufgezeichnet. Sie kann unter folgendem Link nachgehört werden:


Wer Salman Rushdie angreift, greift uns und unser aller Freiheit an. Das Attentat auf ihn ist ein Angriff auf die Allgemeinen Menschenrechte. Fatwa und Anschlag sind nicht das Werk von Einzeltätern. 

Der Jubel und der Blutrausch in den iranischen Medien sind der Beweis: Was geschah, hat Methode. Das Attentat ist das Ergebnis eines politischen Systems. So lange ist es nicht her, dass der Mordaufruf bekräftigt wurde. Erst 2016 erhöhten vierzig staatliche iranische Medien das auf Rushdie gesetzte Kopfgeld. 

Wir fordern alle gesellschaftlichen Kräfte, alle politischen Fraktionen und alle religiösen Verbände auf, das Attentat auf Rushdie zu verurteilen. 

Bereits 1989 wirkten viele von uns – ob persönlich oder durch unsere Verbände – an der Gründung des Artikel 19 Verlages mit, um den Roman Die Satanischen Verse in der deutschen Ausgabe zu veröffentlichen. 

Daher veranstalten wir diese Lesung, in Solidarität mit Salman Rushdie und allen verfolgten Autori:innen, Künstler:innen, Menschen weltweit.

Erstunterzeichnende (Stand 18.08.2022):

Grazer Autorinnen Autorenversammlung
IG Autorinnen Autoren
P.E.N. Österreich
Alte Schmiede Wien
Literaturhaus Wien
Rudolf und Christine Scholten
IG Übersetzerinnen Übersetzer
Republikanischer Club – Neues Österreich
bahoe books
IG Autorinnen Autoren Tirol

Wir, die unterzeichnenden Gruppierungen und Institutionen, wollen die Stimme der Literatur und die Freiheit der Kunst verteidigen. 

Wir planen deshalb am 06.09.2022 von 11:00 – 19:00 Uhr eine öffentliche Lesung aus dem Roman „Die Satanischen Verse“ am Wiener Heldenplatz.

Wenn du als Lesende:r teilnehmen möchtest, schreibe uns bitte an office@gav.at mit Angabe, in welchem Zeitfenster ungefähr du lesen möchtest, damit wir das planen können. Die Lesezeit richtet sich nach der Anzahl der Teilnehmenden, den Text stellen wir.
Wir brauchen auch Leute, die sich als Ordner:in zur Verfügung stellen – dann bitte ebenfalls gerne melden.


Tourismusabgabe für Felix Mitterer und andere Künstler/innen mit Arbeitsplatz in Tirol

Wie schwer es ist, mit selbständiger künstlerischer Tätigkeit seine Existenz zu bestreiten, ist spätestens seit der Corona-Krise allgemein bekannt. Dass in Tirol selbständige Künstler/innen Tourismusabgabe zu bezahlen haben, dürfte außerhalb des Bundeslandes und bei anderen als direkt Betroffenen hingegen kaum bekannt sein. Diesen Umstand haben dankenswerter Weise unsere Kolleg/inn/en Barbara Hundegger und Felix Mitterer sowie andere bekannt gemacht.

Man kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus. Diejenigen, von denen der Tourismus am meisten profitiert, sollen den Tourismus auch noch zusatzfinanzieren, obwohl sie ohnehin schon alle Hände damit zu tun haben, ihren Lebensunterhalt aus ihren Einnahmen als Künstler/innen zu bestreiten. Überall im Land weisen Orte auf ihre Kultureinrichtungen und Kulturereignisse hin und dann sollen auch noch Kunstschaffende und ihre Einrichtungen eine Art Selbstbehalt zum tourismusfördernden Kunst- und Kulturleben im Land leisten.

Dass mit Felix Mitterer selbst noch der Autor zur Tourismusabgabe etwas beitragen soll, der mit seiner Piefke-Saga die mit der Tourismusabgabe finanzierten Auswüchse des Tourismus angeprangert hat, ist an Absurdität nicht mehr zu überbieten.

Es ist tatsächlich hoch an der Zeit, aus der Tourismusabgabe von Künstler/inne/n eine Tourismusabgabe für Künstler/innen zu machen. Vielleicht am einfachsten dadurch, dass die Tourismusabgabe für Kunst und Kultur zweckgewidmet wird.

Die IG Autorinnen Autoren unterstützt alle Bemühungen ihrer Tiroler Kolleg/inn/en in dieser Richtung, die Tourismusabgabe von Künstler/inne/n abzuschaffen und anstelle der abgeschafften Tourismusabgabe von Künstler/inne/n eine Tourismusabgabe für Künstler/innen einzuführen.

Gerhard Ruiss

IG Autorinnen Autoren

Wien, 17.8.2022


Betrifft: Neues Landhaus — Offener Brief an die Tiroler LandespolitikSehr geehrte Damen und Herren!

Was ist los in Tirol? Konkret werden unerwünscht? Textinstallationen nicht willkommen? Jury-Entscheidungen egal?

Die Tiroler Politik hat entscheiden lassen und da ihr die Entscheidung ganz offensichtlich nicht passt, hat sie die Entscheidung korrigiert.

Mit einer künstlerischen Intervention sollte die NS-Geschichte des Neuen Landhauses in Innsbruck aufgearbeitet werden. Von einer damit befassten Jury wurde die Textinstallation „Wir haften für unsere Geschichte“ von Franz Wassermann zur Umsetzung vorgesehen. Die politisch Verantwortlichen haben sich aber nun ohne Begründung für die Umsetzung des zweitgereihten textfreien Entwurfs entschieden. In einem zum Ergebnis der Ausschreibung veröffentlichten Pressetext fand sich ursprünglich auch kein Hinweis mehr auf Franz Wassermann und sein Projekt, das Juryergebnis wurde erst nach öffentlicher Kritik nachträglich als eine Art Dreiervorschlag in den Pressetext des Landes aufgenommen.

Diese Demokratie- und Transparenzferne ist gerade in einem NS-Aufarbeitungszusammenhang nicht nur höchst bedenklich, sondern auch äußerst kontraproduktiv. Die Frage, der man sich entledigen wollte, stellt sich nun erst recht: Wie hältst du es mit deiner Geschichte?

Es wurde nicht nur ein Entscheidungsprozess ad absurdum geführt, es wird damit auch die Arbeit und Expertise von Fachleuten missachtet, die Transparenz und Objektivität garantieren soll. Jurys werden nicht nur zur Qualitätssicherung gebildet und eingesetzt, sondern auch um politische Einflussnahmen zu verhindern. Das ist nicht mehr gegeben, wenn Jurys zur Alibiinstitution degradiert werden.

Dieser Umgang mit Jurys scheint inzwischen in Tirol Schule zu machen und erzeugt große Bedenken, ob man in Tirol überhaupt noch gewillt ist, Juryentscheidungen ernst zu nehmen. Die jetzige Entscheidung ist nämlich kein Einzelfall, auch bei der Bauzaun-Textinstallation von Güni Noggler, „Architekturversuch“, in Schwaz und bei der Bestellung der Leitung der Volksschauspiele in Telfs wurden von der Politik Nachentscheidungen getroffen.

So darf man mit Jurys, so darf man mit Juryentscheidungen nicht umgehen und so darf man insbesondere nicht mit Werken umgehen, die einem ganz offensichtlich politisch nicht passen. Dass es gleich zwei Mal um Texte im öffentlichen Raum geht, die politisch nicht erwünscht sind, wirft ein ziemlich schlechtes Licht auf die Beziehung zur Literatur und Kunst bei den dafür Verantwortlichen.

Wenn die öffentliche Hand es besser weiß, als die Fachjurys, dann soll sie Aufträge vergeben und den Bestbietern die Zuschläge erteilen, was im Fall des Neuen Landhauses ja nunmehr mit der Erteilung des Auftrags an das zur Beteiligung eingeladene zweitplacierte Projekt auch geschehen ist.

Was diese Entscheidung betrifft, kann man ohnehin nur noch den Kopf schütteln, dass ein sprachloser Umgang mit einem historisch belasteten Gebäude ein geeignetes Mittel zur Bewältigung dieser Belastung sein soll und in einer Ästhetisierung die Lösung gesehen wird.

Für besonders aufklärerisch wird hingegen mit der Umsetzung des politisch gewünschten Projektes gehalten, dass man dann erkennen könne, wo der Gauleiter sein Zimmer hatte. Nur geht es aber eben nicht um den Arbeitsplatz eines Gauleiters in irgendeinem Haus, sondern um den 1938/39 eigens für den Reichsgau Tirol-Vorarlberg errichteten ehemaligen Verwaltungssitz der Nationalsozialisten in Tirol, mit dem man im Jahr 2022 allmählich doch zu einem demokratisch eindeutigeren Verhältnis kommen sollte.

Es geht ganz sicher nicht darum, das Neue Landhaus schöner zu machen, um es schöner mit ihm zu haben. Das Neue Landhaus ist so wie es ist, darüber muss man sich keine Gedanken machen, um seinen Errichtungs- und ehemaligen Bestimmungszweck dafür aber umso mehr.

Gerhard Ruiss
IG Autorinnen Autoren
Wien, 23.7.2022