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Betrifft: Neues Landhaus — Offener Brief an die Tiroler LandespolitikSehr geehrte Damen und Herren!

Was ist los in Tirol? Konkret werden unerwünscht? Textinstallationen nicht willkommen? Jury-Entscheidungen egal?

Die Tiroler Politik hat entscheiden lassen und da ihr die Entscheidung ganz offensichtlich nicht passt, hat sie die Entscheidung korrigiert.

Mit einer künstlerischen Intervention sollte die NS-Geschichte des Neuen Landhauses in Innsbruck aufgearbeitet werden. Von einer damit befassten Jury wurde die Textinstallation „Wir haften für unsere Geschichte“ von Franz Wassermann zur Umsetzung vorgesehen. Die politisch Verantwortlichen haben sich aber nun ohne Begründung für die Umsetzung des zweitgereihten textfreien Entwurfs entschieden. In einem zum Ergebnis der Ausschreibung veröffentlichten Pressetext fand sich ursprünglich auch kein Hinweis mehr auf Franz Wassermann und sein Projekt, das Juryergebnis wurde erst nach öffentlicher Kritik nachträglich als eine Art Dreiervorschlag in den Pressetext des Landes aufgenommen.

Diese Demokratie- und Transparenzferne ist gerade in einem NS-Aufarbeitungszusammenhang nicht nur höchst bedenklich, sondern auch äußerst kontraproduktiv. Die Frage, der man sich entledigen wollte, stellt sich nun erst recht: Wie hältst du es mit deiner Geschichte?

Es wurde nicht nur ein Entscheidungsprozess ad absurdum geführt, es wird damit auch die Arbeit und Expertise von Fachleuten missachtet, die Transparenz und Objektivität garantieren soll. Jurys werden nicht nur zur Qualitätssicherung gebildet und eingesetzt, sondern auch um politische Einflussnahmen zu verhindern. Das ist nicht mehr gegeben, wenn Jurys zur Alibiinstitution degradiert werden.

Dieser Umgang mit Jurys scheint inzwischen in Tirol Schule zu machen und erzeugt große Bedenken, ob man in Tirol überhaupt noch gewillt ist, Juryentscheidungen ernst zu nehmen. Die jetzige Entscheidung ist nämlich kein Einzelfall, auch bei der Bauzaun-Textinstallation von Güni Noggler, „Architekturversuch“, in Schwaz und bei der Bestellung der Leitung der Volksschauspiele in Telfs wurden von der Politik Nachentscheidungen getroffen.

So darf man mit Jurys, so darf man mit Juryentscheidungen nicht umgehen und so darf man insbesondere nicht mit Werken umgehen, die einem ganz offensichtlich politisch nicht passen. Dass es gleich zwei Mal um Texte im öffentlichen Raum geht, die politisch nicht erwünscht sind, wirft ein ziemlich schlechtes Licht auf die Beziehung zur Literatur und Kunst bei den dafür Verantwortlichen.

Wenn die öffentliche Hand es besser weiß, als die Fachjurys, dann soll sie Aufträge vergeben und den Bestbietern die Zuschläge erteilen, was im Fall des Neuen Landhauses ja nunmehr mit der Erteilung des Auftrags an das zur Beteiligung eingeladene zweitplacierte Projekt auch geschehen ist.

Was diese Entscheidung betrifft, kann man ohnehin nur noch den Kopf schütteln, dass ein sprachloser Umgang mit einem historisch belasteten Gebäude ein geeignetes Mittel zur Bewältigung dieser Belastung sein soll und in einer Ästhetisierung die Lösung gesehen wird.

Für besonders aufklärerisch wird hingegen mit der Umsetzung des politisch gewünschten Projektes gehalten, dass man dann erkennen könne, wo der Gauleiter sein Zimmer hatte. Nur geht es aber eben nicht um den Arbeitsplatz eines Gauleiters in irgendeinem Haus, sondern um den 1938/39 eigens für den Reichsgau Tirol-Vorarlberg errichteten ehemaligen Verwaltungssitz der Nationalsozialisten in Tirol, mit dem man im Jahr 2022 allmählich doch zu einem demokratisch eindeutigeren Verhältnis kommen sollte.

Es geht ganz sicher nicht darum, das Neue Landhaus schöner zu machen, um es schöner mit ihm zu haben. Das Neue Landhaus ist so wie es ist, darüber muss man sich keine Gedanken machen, um seinen Errichtungs- und ehemaligen Bestimmungszweck dafür aber umso mehr.

Gerhard Ruiss
IG Autorinnen Autoren
Wien, 23.7.2022